Wenn ich erzähle, dass ich für die SPD kandidiere, gibt es als erste Reaktion immer diesen besonderen Moment: Das Gegenüber hält die Luft an und ich höre fast, wie sie oder er fieberhaft denkt, „Oh mein Gott, ausgerechnet die SPD! Was sage ich ihr denn jetzt? Muss ich gratulieren? Ob sie es verkraftet, wenn ich etwas Kritisches sage?“

Ich erlöse dann meinen Gesprächspartner schnell, indem ich die unausgesprochenen Gedanken ausspreche. Ja, ich weiß, die SPD steht momentan nicht gut da. Ja, das Hin- und Her mit dem Parteivorstand fand ich fragwürdig und ich weiß auch nicht, ob sich die beiden jetzigen Vorsitzenden bewähren werden. Jaja, es gab einige merkwürdige Entscheidungen in der Vergangenheit. Ist mir alles klar. (Allerdings gab es in dieser großen Koalition auch viel Gutes!)

Ich bin seit jeher sozial und gerecht eingestellt. Es ist mir wichtig, dass die die weniger Begünstigten Schutz und Chancen erhalten. Und dazu zähle ich auch den Bereich der Natur, das ist meine besondere Note. Entrechtete Menschen und die Natur können nicht für sich selbst eintreten, sie brauchen Hilfe.

Mutige Gründung 100 Jahre vor meiner Geburt

Es war schon immer die Rolle der SPD, sich für die Schutzlosen stark zu machen. So hat damals, 1863 (hundert Jahre von meiner Geburt!) Ferdinand Lassalle die protestierenden Arbeiter und Handwerker zusammengeführt und ihnen mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, dem ADAK erstmals einen intellektuellen Überbau gegeben. Unter August Bebel wurde die SPD groß und mit den Wahlen 1912 dann zur stärksten politischen Kraft Deutschlands.
Doch bis dahin hatte derjenige, der sich als Sozialdemokrat geoutet hatte, kein leichtes Leben, auf ihn wartete oftmals Ausweisung und / oder Gefängnis. Und trotzdem war der Gedanke geboren, dass Arbeiter Rechte erhalten sollen, und es wurde dafür gekämpft.

Viele der alten sozialen Themen haben sich erübrigt, die meisten Ziele, um deretwillen die SPD gegründet worden ist, sind erreicht. Das Sozialgesetzbuch, das es vor 150 Jahren noch gar nicht gab, besteht mittlerweile aus 12 Büchern. Natürlich könnte die SPD hier noch einiges nachbessern. Aber das ist für die Programmatik einer Volkspartei zu wenig.

Themen der Gerechtigkeit heute

Nein, jetzt geht es darum, dass wir aus unserer Tradition der sozialen Gerechtigkeit heraus neue Wege finden! Denn es gibt weiterhin Ungerechtigkeit auf der Welt.

  • Oder ist es richtig, das menschliche Arbeit besteuert wird, nicht aber die von Robotern erledigte Arbeit?
  • Ist es richtig, dass besonders geschickte Top-Manager in Steueroasen flüchten und den Staat austricksen?
  • Ist es richtig, der freien Marktwirtschaft die Zügel komplett zu überlassen, ohne Rücksicht auf Verluste in anderen Ländern?
  • Ist es richtig, dass auf Bauern und Landwirten so ein immenser Preisdruck ausgeübt wird, bis dann schließlich die entrechteten Tiere leiden müssen?
  • Ist es richtig, dass mit Grund und Boden spekuliert wird, das ist doch die Existenzgrundlage der Menschen!
  • Und vor allem: Ist es richtig, dass die Natur, zu der wir gehören, die unsere Lebensgrundlage ist, so schamlos ausgebeutet werden darf?

Umschwung von unten

Natürlich ist das alles nicht richtig und wir brauchen eine Stimme für Frieden, Solidarität und Gerechtigkeit! Ja, das sind die Aufgaben für unsere SPD. Und auch wenn sich die „große SPD“ zurzeit ein bisschen schwertut, so kommt doch ein Umschwung von unten. Und auch ich möchte mich im kleinen, überschaubaren Umfeld, in unserem Icking, für die erhaltenswerten Werte einer alten Partei einsetzen. Und ich glaube, dies unterscheidet die SPD auf positive Weise von einigen anderen bloßen „Wählergruppierungen“ in Icking. Ich handle lokal, aber immer mit Blick auf das Globale.

© Dr. Beatrice Wagner, 6.1.2020